Januar 2008
Würzburg, "Mainpost":
"Mit Körperbewusstsein in die Hysterie"
"Der Würzburger Johannes Friesenegger ist Theaterpädagoge und findet sich selbst sehr praktisch.
Wir hüpfen, rennen, dehnen und strecken den Körper, rollen mit dem Kopf, den Augen, der Zunge. Dann stellen wir uns hin, die Beine hüftbreit auseinander, und atmen ruhig ein. „Merkst du, der Stand ist jetzt viel sicherer“, sagt Johannes Friesenegger. Stimmt. Sicherer und entspannt. Mein gesamter Körper ist entspannt. Auch Teile, von denen ich gar nicht wusste, dass sie entspannt sein können.
Das ist keine Unterrichtsstunde mit meinem neuen Personal-Fitness-Trainer, sondern mit Johannes Friesenegger, Theaterpädagoge aus Würzburg. „Um sicher auf der Bühne auftreten zu können, muss man seinen Körper spüren, muss ganz bei sich sein“, erklärt er. Für den 31-Jährigen ist gutes Körperbewusstsein das A und O. Es hilft auf der Bühne, ob nun Freude gespielt werden muss, Hysterie oder Trauer. Körperbewusstsein ist auch seine persönliche Stärke.
In Ulm an der Akademie für Darstellende Kunst hat Friesenegger eine vierjährige Ausbildung zum Theaterpädagogen gemacht und einen persönlichen Schwerpunkt auf das Körperbewusstsein gelegt. Ursprünglich kommt der Wahl-Würzburger, der auf dem Land bei München aufgewachsen ist, vom Körper- und Maskentheater. „Wenn man mir eine Maske aufsetzt, kann ich immer noch einen Wutausbruch spielen“, sagt Friesenegger über sich.
Schon in der Schule war er in einer Theatergruppe aktiv, später mit einer Commedia dell'arte-Gruppe unterwegs. Bei einigen Sachen, mit denen er experimentierte, stieß er an seine Grenzen. Das entmutigte ihn aber nicht, sondern stachelte ihn an. „Ich wollte wissen, wie es funktioniert, wie ich es richtig machen muss. Aber nicht nur im Schauspiel oder bei der Regie – ich wollte alles wissen.“
Die Ausbildung an der Akademie für Darstellende Kunst in Ulm bietet genau das. Im ersten Jahr geht es mit einer schauspielerischen Grundausbildung los, dann folgt die Spezialisierung auf einen Bereich, Schauspiel, Regie, Dramaturgie oder Theaterpädagogik, wobei an der Ulmer Akademie auch in diesem Fachbereich der Schwerpunkt auf Theater und weniger auf Pädagogik gelegt wird. Friesenegger hatte zum Beispiel Sprechunterricht, Körperunterricht, eine Ausbildung in Regie und Dramaturgie – und er musste auch selbst unterrichten. „Wir haben als Theaterpädagogen in alle Bereiche der Theaterarbeit einen Einblick bekommen“, fasst er zusammen.
Als „Theater-Allrounder“ würde er sich heute bezeichnen. Als solcher wird er auch gebucht. Zum Beispiel vom Theater Chambinzky. Die Dienste des Theaterpädagogen werden den verschiedenen Produktionen des Hauses zur Verfügung gestellt. Bezahlt wird er für ein bestimmtes Stundenkontingent pro Produktion vom Chambinzky. So begleitet er ein Stück von der ersten Minute an, greift dem Regisseur unter die Arme und trainiert mit den Schauspielern. Oder er wird zu einer Produktion hinzugerufen wenn es hakt, eine Szene einfach nicht funktionieren will, ein Schauspieler Probleme hat.
Bei seiner Arbeit stellt Friesenegger die einzelne Person in den Mittelpunkt und sucht nach einer individuellen Lösung. Seine Meinung: „Ich glaube nicht an Talent, sondern an Motivation.“ Zum Leben reicht die Arbeit am Chambinzky freilich nicht. Friesenegger gibt noch Workshops, arbeitet mit Schulen zusammen, bereitet Interessierte auf Vorsprechen für Schauspielschulen vor und ist – vor allem im Sommer – mit seiner Figur Frederik Finn und seinem Musikinstrument, der Harfe, auf Mittelaltermärkten unterwegs. Harfenunterricht gibt er auch noch. „Es klappt seit drei Jahren irgendwie, von völlig katastrophal bis super“, sagt der Freiberufler. Zur Not helfen ihm Nebenjobs, sich über Wasser zu halten. Friesenegger ist ehrlich: „Gerade am Anfang hatte ich große Angst.“ Als er vor drei Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, war noch die positivste Reaktion aus seinem Umfeld: „Oh, das ist aber mutig.“ Irgendwann, so erzählt er, schloss er dann das Abkommen mit sich, keine Angst mehr zu haben. „Die hat mich gehemmt. Außerdem habe ich gemerkt, dass es doch immer irgendwie weitergeht und ich nicht gleich unter der Brücke schlafen muss.“
Heute hat Friesenegger Zeiten, in denen es gut, andere, in denen es weniger gut läuft. „Toll wären Schauspielschüler, die regelmäßig Unterricht nehmen, und ein bis zwei Workshops pro Monat.“ Einsetzbar ist der Theaterpädagoge in allen Bereichen rund um die Bühne. Auch Sprechertraining oder Unterricht zum besseren Körperbewusstsein bietet er. „Ich find' mich sehr praktisch“, sagt Friesenegger und lacht."